Über (künstliche) Intelligenz und Wissen
Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit
- Ödön von Horváth
Starten wir nun endlich mit den Grundlagen der künstlichen Intelligenz. Die folgenden Artikel werde ich versuchen (mal schauen, ob ich es wirklich so schaffe so durchzuziehen) als Serie aufzubauen. Ziel ist einen Überblick darüber zu geben, was sich eigentlich hinter den ganzen Begriffen wie künstlicher Intelligenz verbringt, damit wir uns anschließend wieder mit den Auswirkungen beschäftigen können. Aber bevor wir uns mit dem Thema künstliche Intelligenz beschäftigen, sollten wir uns erstmal mit der Frage beschäftigen, was denn nun eigentlich natürliche Intelligenz ist?
Nun, long story short: Das Gegenteil von Dummheit. Letzteres erleben wir in unserem Alltag ja quasi täglich, weswegen sich zumindest jeder etwas drunter vorstellen kann 😉 Yuval Harari sagte mal in einem Podcast (Alles Gesagt), dass die Menschheit immer erst einmal alles Dumme tun muss, bevor sie am Ende mal etwas Intelligentes tut (keine Haftung für die genaue Wortwahl - ich höre mir den 5 Stunden Podcast nicht nochmal an, um das wörtliche Zitat zu finden 😅).
Über die natürliche Intelligenz
Tatsächlich ist eine direkte Definition der Intelligenz gar nicht so einfach zu finden, wie ich erwartet hatte. Schauen wir uns doch zunächst einmal die wörtliche Herkunft an. Das Wort stammt vom lateinischen intellegere was so viel wie erkennen und/oder verstehen bedeutet - wobei inter das Wort für zwischen und und legere lesen/wählen bedeutet. Letzteres gefällt mir ganz gut, da Lesen meines Erachtens eine der wichtigsten Säulen zum Erwerb von Intelligenz erwirbt (sorry Freunde - Podcasts und Videos sind keine Abkürzungen! - zumindest keine vollständige).
Nun kommen wir aber zu meiner Definition der Intelligenz, in welcher ich versuche einen Konsens über verschiedene Definitionen zu finden (und mit der ich zufrieden bin):
Intelligenz ist ein komplexes und vielschichtiges Konzept, das sich auf die Fähigkeit eines Individuums bezieht, zu lernen, zu verstehen, Probleme zu lösen, Wissen anzuwenden und sich an neue Situationen anzupassen. (eigene Definition)
Die wichtigsten Eigenschaften ist hierbei das ,welches die Grundvoraussetzung für den Erwerb von Wissen bildet. Hierbei können wir bereits eine Gemeinsamkeit mit der künstlichen Intelligenz feststellen, denn KI Systeme sind ebenfalls lernende Systeme mit dem Ziel Wissen zu erwerben. Mit der Definition von Wissen beschäftigten wir uns später in diesem Artikel noch kurz. Zunächstlasst uns aber noch die wichtigsten kognitiven Prozesse anschauen, welche die Intelligenz umfasst:
- Gedächtnis: Unser Erinnerungsvermögen. Ein Teil unseres Gehirns wo wir unser erworbenes Wissen abspeichern und abrufen können. Fun Fact: Im Gegensatz zu anderen Bereichen im Gehirn, gibt es keinen explizit abgrenzbar bzw. identifizerbaren Bereich nur für unser Gedächtnis und unsere Erinnerungen
- Urteilsvermögen: Die Fähigkeit, Informationen, Erfahrungen und Beobachtungen sinnvoll einzuordnen, miteinander zu verknüpfen und auf dieser Grundlage zu einer vernünftigen Bewertung oder Entscheidung zu gelangen. Oder einfach: Die Fähigkeit, nicht jeden Unsinn direkt zu glauben, nur weil er selbstbewusst vorgetragen wurde (oder von einem Experten stammt). Urteilsvermögen setzt dabei nicht nur Wissen voraus, sondern auch Reflexion, Kontextverständnis und die Bereitschaft, zwischen guten und schlechten Argumenten unterscheiden zu wollen/können. Eine Fähigkeit, die in Zeiten von Social Media, Clickbait und KI-generierten Fakten vielleicht wichtiger ist denn eh & je...
- Verständnis: Mehr als nur das bloße Aufnehmen oder Wiedergabe von Informationen. Verständnis bedeutet, Zusammenhänge zu erkennen, Ursachen und Wirkungen zu begreifen und Wissen so zu durchdringen, dass man es auf neue Situationen übertragen kann. Anders formuliert: Etwas verstanden zu haben heißt nicht, es einmal gelesen oder in einem Podcast gehört zu haben, sondern es wirklich geistig durchdrungen zu haben. Genau hier liegt übrigens auch der Unterschied zwischen echter Bildung und reinem Informationskonsum
- Fähigkeit zur abstrakten Denkweise: Die Fähigkeit, über das konkret Sichtbare hinauszudenken und mit Konzepten, Modellen, Symbolen oder allgemeinen Prinzipien zu arbeiten. Abstraktes Denken erlaubt es uns, Muster (engl. Pattern) zu erkennen, Theorien zu bilden, hypothetische Szenarien durchzuspielen und Probleme zu lösen, die nicht direkt vor uns auf dem Tisch liegen. Ohne diese Fähigkeit gäbe es weder Mathematik noch Philosophie, weder strategisches Denken noch wissenschaftlichen Fortschritt. Oder um es etwas überspitzter zu sagen: Wer nicht abstrahieren kann, bleibt geistig im Hier und Jetzt gefangen — was für manche TikTok-Feeds vielleicht reicht, aber für Zivilisation insgesamt eher schwieriger ist...
Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass Intelligenz eine Verknüpfung mehrerer kognitive Prozesse ist, welche zusammen ein emergentes System bilden, wobei das Ganze mehr als die Summe ihrer Teile ist (frei nach Aristoteles). Messungen á la IQ-Test sind aber wissenschaftlich durchaus umstritten sowie die genetischen Einflüsse (von Pseudowissenschaften umstritten, in der Biologie geht man recht eindeutig davon aus, dass 60-80% des IQs sich auf Genetik zurückführen lassen).
Irgendwas mit Wissen & Intelligenz und Vice Versa
Nun, genug geschwaffel über Intelligenz - kommen wir wie bereits angekündigt zum Wissen. Ein Begriff, den wir im Alltag ständig benutzen, als wäre völlig klar, was damit gemeint ist. Ich weiß das, man weiß ja, Wissenschaft weiß inzwischen —nette Scheinformulierungen, die meistens so klingen, als sei Wissen etwas Festes, Sauberes und Unangreifbares. Gerne auch in Kombination mit hört auf die Wissenschaft, Experten etc. die Wissen schließlich was sie tun 😉
In der Realität ist es natürlich: Bullshit. Oder anders formuliert: Nicht alles, was mit maximalem Selbstbewusstsein vorgetragen wird, ist automatisch Wissen. Manchmal ist es auch einfach nur Meinung mit einem extrem großen Ego, aber wir schweifen schon wieder ab, lasst uns aber festhalten, dass ein objektives Wissen quasi ein Ding der Unmöglichkeit ist sowohl für Menschen als auch für Maschinen.
Ganz allgemein lässt sich Wissen zunächst als das Ergebnis eines Lernprozesses verstehen. Es umfasst die Gesamtheit an Informationen, Fakten, Konzepten, Theorien und Prinzipien, die ein Individuum über verschiedene Bereiche und Themen erworben hat. Wissen fällt also nicht einfach vom Himmel und ist auch nicht angeboren. Es entsteht durch Erfahrung, Bildung, Beobachtung und Lernen. Genau darin liegt auch ein wichtiger Unterschied zur bloßen Information: Informationen kann man konsumieren. Wissen muss man verarbeiten, einordnen, verknüpfen und im Idealfall auch kritisch hinterfragen. Sonst bleibt es bei geistigem Fast Food.
Vielleicht hilft hier eine kleine Unterscheidung, anhand der sogennanten DIKW Pyramide (siehe Abbildung unten) - dessen Ursprung übrigens gar nicht so eindeutig zu ergründen ist und während meiner PhD Zeit habe ich mal ein komplettes Paper nur über unterschiedliche Darstellungen und Interpretationen dieser Pyramide gelesen...
Daten sind zunächst einmal rohe Zeichen, Zahlen, Symbole oder whatever ohne Kontext. Informationen entstehen dann, wenn diese Daten in einen Zusammenhang gebracht werden bzw im Kontext betrachtet werden. Wissen wiederum entsteht erst dann, wenn Informationen verstanden, eingeordnet, mit vorhandenem Vorwissen verknüpft und für zukünftiges Handeln nutzbar gemacht werden, quasi wie bereits erwähnt. Auf den Terminus Weisheit kommen wir in folgenden Artikeln nochmal zu sprechen und lassen diesen hier erstmal kommentarlos stehen.
Zusammenfassend: Ein Wikipedia-Artikel ist noch kein Wissen. Ein gespeichertes PDF ist auch kein Wissen und 15 TikToks zu einem Thema sind schon gar keines. Wissen beginnt dort, wo der Mensch anfängt, Inhalte geistig zu durchdringen.

Damit kommen wir zum großen Paradoxon: Intelligenz ermöglicht überhaupt erst den Erwerb von Wissen. Ohne die Fähigkeit, zu lernen, zu verstehen, zu erinnern, zu abstrahieren und zu urteilen, könnten wir zwar Daten aufnehmen, aber daraus kein belastbares Wissen formen. Intelligenz ist also gewissermaßen das Werkzeug, der Prozess oder vielleicht auch die Voraussetzung, durch die Wissen überhaupt entstehen kann. Gleichzeitig gilt aber auch die Umkehrung: Wissen ist die Grundlage für die Anwendung von Intelligenz. Denn selbst ein intelligenter Mensch kann nur schwer kluge Entscheidungen treffen, wenn ihm die nötigen Inhalte, Erfahrungen und Zusammenhänge fehlen. Intelligenz ohne Wissen bleibt oft oberflächlich. Wissen ohne Intelligenz bleibt oft tot. Erst im Zusammenspiel von beidem entsteht das, was wir gemeinhin als vernünftiges Denken bezeichnen würden.
Wissen in Zeiten des Informationszeitalters
Der Zugang zu Wissen war noch nie so einfach wie heute, sogar Large Language Models können ihn sich einfach aus dem Internet ziehen und zeitgleich werden wir dümmer (der Spruch was nichts kostet taugt auch nichts bewahrheitet sich wohl immer wieder). Nur weil heute theoretisch fast jeder jederzeit auf unendlich viele Informationen zugreifen kann, heißt das noch lange nicht, dass wir auch mehr wissen. Eher im Gegenteil. Die bloße Verfügbarkeit von Informationen produziert noch keine Erkenntnis, sondern häufig erstmal nur mehr Rauschen. Wer nie gelernt hat, Quellen einzuordnen, Widersprüche auszuhalten, Argumente zu prüfen und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, der sammelt keine Bildung an, sondern lediglich Informationsfragmente. Das kann beeindruckend aussehen, gerade auf LinkedIn (liebe Grüße an alle Selbstdarstellerposts dort) oder in Talkshows und sonstigen Panel Diskussionen (liebe Grüße an alle Soziologen ,😉) ist aber oft nicht mehr als pseudointellektueller Bullshit.
Vom Wissen zur Künstlichen Intelligenz
Wollte ich nicht eigentlich über KI schreiben?
Ja und eigentlich wollte ich künstliche Intelligenz in diesem Artikel deutlich mehr in den Vordergrund stellen - vielleicht sollte ich meine Artikel besser planen. Aber eigentlich ist das auch egal, denn letztlich habe wir eine ganze Reihe an Grundlagen erarbeitet,die für das weitere Verständnis durchaus von Bedeutung sind. Denn für die Frage nach künstlicher Intelligenz ist das alles so wichtig, da auch KI-Systeme ähnliche (kognitive) Prozesse durchmachen, ebenfalls auf Daten, Informationen und in gewisser Weise auf Wissen angewiesen sind — oder zumindest auf etwas, das wir sehr schnell geneigt sind, dafür zu halten.
Ein Large Language Model beispielsweise verarbeitet gigantische Mengen an Daten & Informationen, erkennt Muster, stellt Zusammenhänge her und kann dadurch erstaunlich überzeugende Antworten erzeugen. Aber besitzt es deshalb Wissen im menschlichen Sinne? Nun ja, genau an dieser Stelle wird es philosophisch interessant. Denn wenn Wissen mehr ist als bloß gespeicherte Information — nämlich mit Verständnis, Einordnung, Erfahrung und Bedeutung verbunden ist — dann kann die Antwort nur lauten: Dies ist ein weites Feld (Effi Briest Leser werden sich erinnern).
Nun, damit das hier nicht zu einem Roman ausartet, machen wir einen Cut an dieser Stelle und werden uns im nächsten Artikel dieser (zu entstehenden) Serie weiter mit den Grundlagen & der Geschichte der künstlichen Intelligenz beschäftigen und vielleicht schauen wir uns dabei sogar noch diese Weisheit an.
Falls ihr die folgenden Artikel der Serie und weitere spannende (oder auch langweillige) Artikel meinerseits nicht verpassen wollt, tragt euch doch gerne auf der Startseite auch zum kostenlosen Newsletter ein (: